Zweiter Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg wurde von den deutschen Nationalsozialisten unter der Führung Adolf Hitlers 1939 begonnen. Bei Ausgang des Krieges 1945 befanden sich 67 Staaten im Kriegszustand. Der Krieg kostete Millionen von Soldaten und Zivilisten weltweit das Leben. Er forderte unter anderem den Tod von 3,85 Millionen deutscher Soldaten (Knaurs Lexikon).

 

Was die Folgen der Kriege, insbesondere des Zweiten Weltkriegs, für die Zivilbevölkerung angeht, so sind uns bisher keine wissenschaftlichen Informationen bekannt. Es ist klar, dass die Folgen für die Zivilbevölkerung verheerend und traumatisierend gewesen sind, was wir durch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen und in unserer eigenen Praxis erfahren haben.

 

Wir können nur alle Betroffenen dazu ermutigen, sich über traumatische Erfahrungen allgemein zu informieren (sich selber helfen), sich Unterstützung zu holen (Therapeutensuche) und vor allem die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sich an den negativen Gefühlen und Erinnerungen etwas ändern lässt, sobald Sie Unterstützung gefunden haben. Dazu wünschen wir Ihnen die Kraft und den Mut.

Ihr TIZ-Team.

 

Inzwischen haben wir eine Internetsite gefunden, die sich mit diesem Thema beschäftigt. www.kriegskinder.de.

 

Auf dieser Seite finden sie zu folgenden Fragen Informationen: 

 

Wie häufig ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (Epidemiologie)?
Welche Folgen entstehen durch Traumata aus dem Zweiten Weltkrieg für die betroffene Person?

 

Häufigkeit von Stressreaktionen (Epidemiologie )

Soldaten mit Gefechtserlebnissen

In Bezug auf den zweiten Weltkrieg kommt eine Studie mit 32 Marine-Veteranen auf eine Rate an Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS)   von 15 % (Hamilton, Canteen, Beigel, & Yost, 1987). Eine Studie mit dänischen Widerstandskämpfern des Zweiten Weltkriegs (n = 147) kommt sogar auf eine PTBS-Rate von 56 % (Hovens, Falger, Op, Schouten, & Van Duijn, 1992).

 

Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft waren

Amerikanische Studien mit 62 Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg ergaben, dass vier von fünf mindestens einmal im Leben mindestens eine psychische Störung hatten. Neun von zehn hatten abnorme MMPIs   und die Hälfte gab Biographien an, welche die Vermutung einer PTBS im ersten Jahr nach dem Erlebnis nahe legen. Fast ein Drittel berichtete auch nach 40 Jahren noch solche Symptome (Engdahl, Speed, Eberly, & Schwartz, 1991; Speed, Engdahl, Schwartz, & Eberly, 1989). Fast drei Viertel von 817 Wehrpflichtigen der Wehrmacht, die in russischer Gefangenschaft waren, hatten PTBS. Je länger die Soldaten in Gefangenschaft waren, desto mehr hatten hinterher eine PTBS (Crocq, Hein, Duval, & Macher, 1991).
Sutker und ihr Team (Sutker, Winstead, Galina, & Allain, 1990) fanden in einer Gruppe von 20 koreanischen Kriegsgefangenen, die teilweise schwer misshandelt worden waren, dass fast alle eine PTBS hatten, wobei drei Viertel ebenso unter Affektstörungen  und fast die Hälfte unter Angststörungen litten.

 

Der Holocaust

Eitinger (1969) berichtet, dass fast ausnahmslos jeder von 226 norwegischen Überlebenden eines Nazi-KZ im Zweiten Weltkrieg noch Jahre nach ihrer Rückkehr ins normale Leben psychiatrische Störungen hatten.


Neuere Untersuchungen relativieren diese dramatischen Auswirkungen jedoch wieder etwas (Harel, Kahana & Kahana, 1993).

 

Traumafolgen

Viele soziale Probleme der Überlebenden sind sowohl eine Reaktion auf den Schock, von einer bedeutungsvollen Gemeinschaft getrennt zu werden, als auch Folge der Katastrophe selbst (Erikson, 1976). Das selbe Argument kann für Holocaust-Überlebende verwendet werden, von denen die meisten die ganze oder fast die ganze Familie und die Freunde verloren haben und ein neues Leben in einem fremden Land beginnen mussten.
Untersuchungen an 94 alleinstehenden (ledigen und Kriegerwitwen) und verheirateten Frauen der Kriegsgeneration (Zweiter Weltkrieg) haben gezeigt, dass trotz der Tatsache, dass für zwei Drittel der Witwen (68,7%) Kriegsereignisse das kritische Lebensthema sind, alle Frauen eine gute allgemeine psychologische Anpassung zeigten und sehr zufrieden mit ihrem Leben waren. Dabei sind die alleinstehenden Frauen zufriedener als die verheirateten. Die meisten Frauen nennen sehr aktive Copingstrategien, wobei ledige und Kriegerwitwen die verheirateten übertreffen (Kemmler, 1999).

 

Der Holocaust

Das KZ-Überlebenden Syndrom

Die wissenschaftliche Untersuchung des Holocaust zeigt, dass Stress-Belastungs-Syndrome Jahrzehnte im größten Teil der Menschen anhalten, die langdauernde Konzentrationslager-Erfahrungen überlebten. Als Merkmale des KZ-Überlebenden Syndroms gelten (Eitinger, 1964; Krystal & Niederland, 1965; Niederland, 1980):

  1. Schwere, oft ganz plötzlich einsetzende Erregungs- und Angstzustände.
  2. Ein unartikuliertes Gefühl des Andersseins als die, die nicht durch die Hölle von KZ, Ghetto, Arbeitslager und jahrelangem Leben im Versteck gingen.
  3. Tiefe Überlebensschuld, d.h. Schuldgefühle desjenigen, der überlebte, gegenüber den ermordeten Angehörigen und Kameraden.
  4. Ein Zustand des seelischen Überwältigt- und Verringertseins, der nur schwer zu beschreiben ist und sich in Depressionen, apathischer Zurückgezogenheit, Kontaktmangel, Unfähigkeit zu Freude und Genuss bis zur völligen Starre und geistiger Abstumpfung äußert.
  5. Das Bild des "lebendigen Leichnams", ein von der ständigen Begegnung mit dem Tod geprägtes schattenhaftes, furchtsames, gedrücktes Verhalten.
  6. Quälendes Wiedererleben der Schrecken des Lagers, als Hypermnesie bezeichnet, z. B. von Misshandlungen, Ermordung von Angehörigen.
  7. Ermüdung, leichte Erschöpfbarkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen.
  8. Sexuelle Störungen.
  9. Psychosomatische Beschwerden wie Herzbeschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel, Schweißausbrüche, Magen- und Darmbeschwerden, Schlaflosigkeit.
  10. Psychotische Zustände mit Wahnvorstellungen (Gefühl noch immer im Lager und verfolgt zu sein).

"Der Zusammenhang zwischen dem Überlebenden-Syndrom und PTBS wird vor allem an den Kriterien 5 (das Bild des "lebendigen Leichnams"), und 6 (quälendes Wiedererleben, Hypermnesie) deutlich. In Punkt 5 kommt der Zustand emotionaler Erstarrung und Erschöpfung zum Ausdruck, in 6 mit den sogenannten Hypermnesien, d. h. übertrieben genauen Erinnerungen an bestimmte Details der traumatischen Situation, die intrusive Phase der PTBS." (Fischer & Riedesser, 1998, S.235)

 

"Nach der Entlassung aus den Lagern fanden die ehemaligen KZ-Häftlinge denkbar ungünstige Bedingungen für die Traumaverarbeitung vor. Viele jüdische Häftlinge erfuhren vom Verlust weiterer Familienangehöriger und Freunde. Ihre früheren Lebenszusammenhänge waren zerschlagen. Die noch überlebenden Angehörigen oder Freunde oder auch andere neue Kontaktpersonen waren mit der eigenen Vergangenheit zu sehr beschäftigt, als dass sie i. a. die Geduld und Aufmerksamkeit aufgebracht hätten, den der Hölle Entkommenen bei der Verarbeitung ihrer Traumata   zu helfen." (Fischer & Riedesser, 1998, S.236)


Die zweite Generation

Einiges an Literatur über den psychologischen Einfluss des Nazi-Holocaust zeigt den langfristigen beträchtlichen Einfluss auf die erste und die zweite Überlebenden-Generation (Barocas & Barocas, 1979; Bergman & Jacovy, 1982; Danieli, 1980; Epstein, 1979).


Kinder von Überlebenden, die selbst nicht dem Nazi-Terror ausgesetzt waren, weisen ähnliche Symptome auf, nur in geringerer Stärke. "Die Kinder von Überlebenden zeigen Symptome, die erwartet würden, als wenn sie tatsächlich den Holocaust durchlebt hätten." (Barocas & Barocas, 1979, S. 151)


Eine neue noch unveröffentlichte Studie von Brigitte Lueger-Schuster konnte gegenüber einer Kontrollgruppe, die während des Holocausts im Ausland war, eine Erhöhung der Werte bei Depression , Somatisierung , Ängstlichkeit und Aggressivität feststellen.
Überlebensschuld ist eines der auffälligsten Merkmal sowohl von Holocaust-Überlebenden als auch von deren Nachkommen. Während die meisten Menschen die Tatsache, dass sie am Leben sind, für selbstverständlich halten, bleiben sowohl Holocaust-Überlebende als auch deren Kinder häufig ungläubig darüber, dass sie am Leben sind. Sie glauben oft, dass sie nicht das Recht haben zu leben, wenn so viele ihnen nahestehende und geliebte Menschen getötet wurden (Bergman & Jacovy, 1982).


Es zeigte sich auch, dass Konflikte über den Ausdruck von Aggression sehr stark in Holocaust-Familien waren (Solomon, 1993, S. 227 - 236). Henry Krystal (1968), ein Holocaust-Überlebender und Pionier in der Arbeit mit Überlebenden und deren Kindern, beobachtete, dass viele Überlebenden-Eltern unbewusst aggressives Verhalten bei ihren Kindern förderten, das sie selbst einmal unterdrücken mussten, um in der totalitären Umgebung des Konzentrationslagers zu überleben. Axelrod, Schnipper und Rau (1980) merkten an, dass Überlebende oft ihre angestauten Aggressionen auf ihre Kinder lenkten und somit in ihnen ähnliche feindselige Gefühle auslösten. Gleichzeitig ist offene Aggression in Überlebenden-Familien eher ein Tabu als in anderen. Nach Ansicht des israelischen Psychiaters Hillel Klein (1973) haben sowohl die Eltern als auch die Kinder bei Überlebenden große Angst davor, Aggressoren zu sein, und ein großes Bedürfnis danach, jede Art von Aggression als vorübergehend und rein defensiv zu rechtfertigen. Normaler Ärger und Feindseligkeit, die Kinder manchmal gegenüber ihren Eltern empfinden, wird durch das Bewusstsein der Kinder, wie viel ihre Eltern leiden mussten, in Schach gehalten und somit aufgehoben.
Um die Auswirkungen eines möglichen neuen Traumas auf diese Generation herauszufinden, führte Solomon (1993, S. 227 - 236) eine Längsschnitt-Untersuchung mit 44 Personen mit einer Gefechts-Stress-Reaktion, die mindestens einen Überlebenden-Elternteil hatten, und 52 solchen Personen ohne diesen Hintergrund durch. Dabei zeigte sich, dass mehr Kinder, die mindestens einen Überlebenden-Elternteil hatten, eine PTBS  entwickelten und die Symptome auch länger andauerten. Im dritten Jahr berichteten die Überlebenden-Kinder von mehr Symptomen als die anderen. Im Gesamten deutet dies auf eine größere Belastung und eine behinderte Genesung von der Gefechts-Traumatisierung bei Überlebenden-Kindern hin.


Wie kann dies erklärt werden?
Möglicherweise kann die ähnliche Symptomatologie zwischen Überlebenden-Elternteil und Kindern als gelerntes Verhalten erklärt werden. Ein Indiz dafür ist z.B., dass Bergman und Jacovy (Bergman & Jacovy, 1982) darauf hinweisen, dass weit vor dem Libanon-Krieg Kinder von Überlebenden sowohl in den USA als auch in Israel bei Therapeuten über Träume und Albträume mit Nazi-Ära-Inhalt berichteten. Diese Psychiater bemerkten auch, dass die Kinder von Überlebenden eine hohe Ängstlichkeit (Trait) aufwiesen (Dor-Shav, 1978). Auch die Übertragung von Affekten bei gleichzeitiger emotionaler Unzugänglichkeit der Eltern verunsichern die Kinder von Überlebenden.
Desweiteren gibt es zwei relevante Kräfte, die einen Einfluss auf erwachsene Kinder, die ihre Elternhäuser verlassen haben, geheiratet haben und selber Kinder haben, ausüben könnten, und die sich symptomverstärkend auf eine PTBS in der zweiten Generation auswirken:

  1. Nach Robert M. Prince (1985, S.71) "ist die Zentralforderung von Überlebenden-Eltern, dass ihre Kinder sie nie verlassen". Dies führt vielleicht zu einem sekundären Krankheitsgewinn bei einem weiteren Trauma durch die Bemutterung. Der Betroffene verbleibt in seiner abhängigen und kindlichen Rolle, was dem Heilungsprozess entgegensteht.
  2. Auf der anderen Seite versäumen es die Kinder, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, da sie ja die Beschützer und Retter ihrer Eltern sein müssen (Epstein, 1979).

Wie die Überlebenden, so verbreiten auch die Täter, wenn auch aus anderen Motiven, in ihren Familien einen "Pakt des Schweigens", der die Kinder zu neugieriger Forschung und Rettungsversuchen gegenüber den Eltern anregt. Seitens der Täter sind es vor allem die antisemitische Einstellung und die Rechtfertigung des Mordes an Juden, welche im "Pakt des Schweigens" die Generationen überdauern können (Solomon, 1993).

 

Quellen

Axelrod, S., Schnipper, O. L., & Rau, J. H. (1980). Hospitalized offspring of Holocaust survivors: Problems and dynamics. Bulletin of Menninger Clinic, 44, 1 - 14.

Barocas, H., & Barocas, C. (1979). Wounds of the fathers: The next generation of Holocaust victims. International Review of Psychoanalysis, 5, 331 - 341.

Bergman, M. S., & Jacovy, M. E. (1982). Generations of the Holocaust. New York: Basic Books.

Crocq, M. A., Hein, K. D., Duval, F., & Macher, J. P. (1991). Severity of the prisoner of war experience and post-traumatic stress disorder. European Psychiatry, 6(1), 39 - 45.

Danieli, Y. (1980). Families of survivors of the Nazi Holocaust: Some long and some short term effects. In N. Milgram (Ed.), Psychological stress and adjustment in time of war and peace . Washington DC: Hemisphere.

Dor-Shav, N. K. (1978). On the long range effects of concentration camp internment on Nazi victims: 25 years later. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 46, 1 - 11.

Eitinger, L. (1964). Concentration camp survivors in Norway and Israel. Eitinger, L. (1969). Psychosomatic problems in concentration camp survivors. Journal of Psychosomatic Research, 13, 183 - 189.

Engdahl, B. E., Speed, N., Eberly, R. E., & Schwartz, J. (1991). Comorbidity of psychiatric disorders and personality profiles of American World War II prisoners of war. Journal of Nervous and Mental Disease, 179(4), 181 - 187.

Epstein, H. (1979). Children of the Holocaust: Conversations with sons and daughters of survivors. New York: Putman.

Erikson, K. (1976). Loss of community at Buffalo Creek. American Journal of Psychiatry, 133, 302 - 305.

Fischer, G., & Riedesser, P. (1998). Lehrbuch der Psychotraumatologie. München Basel: Reinhardt.

Hamilton, J. D., Canteen, W., Beigel, A., & Yost, D. (1987). Posttraumatic Stress disorder in World War II naval veterans. Hospital and Community Psychiatry, 38(2), 197 - 199.

Harel, Z., Kahana, B., & Kahana, E. (1993). Social Resources and the Mental Health of Aging Nazi Holocaust Survivors and Immigrants. In J. P. Wilson & B. Raphael (Eds.), International Handbook of Traumatic Stress Syndromes . New York: Plenum Press.

Hovens, J. E., Falger, P. R., Op, d. V. W., Schouten, E. G., & Van Duijn, H. (1992). Occurrence of current post traumatic stress disorder among Dutch World War II resistance veterans according to the SCID. Journal of Anxiety Disorder, 6(2), 147 - 157.

Kemmler, L. (1999). Untersuchungen an 94 alleinstehenden und verheirateten Frauen der Kriegsgeneration. Report Psychologie, 1/99, 32 - 57.

Klein, H. (1973). Children of the Holocaust: Mourning and bereavement. In E. J. Anthony & C. Koupernik (Eds.), The child in his family, vol. 2: The impact of disease and death . New York: Wiley.

Knaurs Lexikon von A bis Z (1996). München: Rossipaul

Krystal, H. (1968). Massive psychic trauma. New York: International Universities Press.

Krystal, H., & Niederland, W. G. (1965). Clinical observations of the survivor syndrome. Paper presented at the Scientific proceedings of the 21th annual meeting of the American Psychiatric Association 1965, Washington D.C.

Niederland, W. G. (1980). Folgen der Verfolgung: Das Überlebenden-Syndrom. Seelenmord. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Prince, R. M. (1985). The legacy of the Holocaust: Psychohistorical themes in the second generation: UMI Research Press.

Solomon, Z. (1993). Combat stress reaction: The enduring toll of war. New York: Plenum Press.

Speed, N., Engdahl, B., Schwartz, J., & Eberly, R. (1989). Posttraumatic stress disorder as a consequence of the POW experience. Journal of Nervous and Mental Disease, 177(3), 147 - 153.

Sutker, P. B., & Allain, A. N. (1995). Psychosocial Assessment of aviators captured in World War II. Psychological Assessment, 7(1), 66 - 68.